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entgleisung

 

Müde blickte sie aus dem Fenster, den Rauch der Zigarette stiess sie leise aus. Sie drehte sich nicht um, auch nicht, als erneute Vorwürfe auf sie einprasselten. Wie durch einen Nebel hörte sie dumpfe Geräusche, Gepolter; der Strassenlärm schien Meilen entfernt zu sein. Lena schwieg. Sie hatten sich nichts mehr zu sagen, wozu auch. Sie lehnte am Fenstersims und die Kälte kroch ihr langsam die Knochen empor. Wie lange sie regungslos dagestanden hatte, konnte sie nicht einschätzen. Die Zeit schien still zu stehen. Und dann auf einmal drehte sie sich mit glasigem Blick um, packte Pullover, Socken, Jeans, T-Shirts, alles was von ihr übrig geblieben war. 

Sie stürzte aus der Wohnung. Als sie die Türe knallend ins Schloss fiel, löste sich ein Bild von der Wand. Es zerbrach in tausend Stücke. 

Lena eilte hastig an den Leuten vorbei, ihr Herz schlug schneller. Gefühle. In all dem inneren Chaos von Wut, Angst, Trauer und unsäglicher Einsamkeit glimmte ein Funken der Hoffnung, welcher das Feuer der Entschlossenheit nährte. Und dann stand sie da, vor dem Bahnhof.

Beim Bahnschalter stockte sie einen kurzen Augenblick. Sollte sie wirklich alles zurücklassen? Nervös zupfte sie an ihrem Schal. Der Bahnbeamte schaute sie fragend an. „Ich weiss nicht, wohin ich gehen soll“, stotterte sie leise, „ am besten nach Montpellier.“ Der Herr stellte ihr die Fahrkarte aus. Sie nahm sie entgegen und auf einmal kam Ruhe in ihr Herz. 

Von weitem sah sie ihn kommen, den Zug. Zischend blieb er vor ihr stehen. Lena setzte sich an einen Fensterplatz und schaute hinaus. Sie fühlte sich seit langem wieder sicher und frei. Der Abfahrtspfiff ertönte. Gleichzeitig klopfte jemand wie wild an die Scheibe. Das stand er nun und gab ihr flehende Zeichen, sie solle doch aussteigen. Tränen rollten ihm über die Wangen. Der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Sie legte ihre Hand ans Fenster, zum Abschied. Leise sagte sie:

 

„Nein, Noah, der Zug ist abgefahren.“